Meister in rot-weißen Trikots

Die 60er Jahre: Abenteuer 1. Kreisklasse schon nach einer Spielzeit beendet

ürmische Zeiten erlebt der SuS Polsum Ende der 50er Jahre. Bei allem Mut zur Offensive vergisst die Mannschaft leider häufig, dass die meisten Fußballspiele in der Abwehr entschieden werden. Der Stärke im Angriff und der Sorglosigkeit in der Defensive widmet die Buerschen Zeitung in der Saison 1958/59 sogar eine Karikatur. "Die Überschrift lautete: Hauptsache 100 Tore", erinnert sich Rolf Susemihl an die Zeichnung. In jener Spielzeit klopfte der SuS nachdrücklich an das Tor zur 1. Kreisklasse. Hermann van Bracht, als 20-Jähriger schon einer der Leistungsträger, hat den Zeitungsausschnitt verwahrt, der die Polsumer Elf als Halbzeitmeister und Favorit auf den Titel ausweist. Doch in der Rückrunde ließ die Truppe nach und musste Germania Datteln II, Sinsen und SF Herten vorbeiziehen lassen. Das war besonders ärgerlich, denn in der Saison stiegen gleich drei Vereine in die erste Liga auf. Der SuS lief punktgleich mit Viktoria 09 II ein und wurde Fünfter, da das Torverhältnis trotz 104 erzielter Treffer nach dem seinerzeit gültigen Divisionsverfahren schlechter als das der Recklinghäuser war.


Heinz Fähndrich, Hermann van Bracht und Rolf Susemihl (v.L.) erinnrten sich an die späten 50er und die 60er Jahre.

Es folgten mehrere schwere Jahre. "Wir hatten kaum Leute", blickt Heinz Fähndrich auf die Zeiten zurück, als sich die Spieler nach den Schlachten auf dem Lehmplatz in Horneburg an Waschschüsseln notdürftig den Schlamm von den Knochen scheuern mussten. Für derartige Auswährtsfahrten wurde ein Bus gemietet. Jeder Spieler zahlte zwei Mark Fahrgeld, den Rest schoss Vorsitzender Franz-Josef Heitfeldt zu. Zu den Spielen in der Recklinghäuser Viktoria-Kampfbahn auf dem Gelände des heutigen Knappschaftskrankenhauses ging es mit der Straßenbahn.

Sorgen um den Rückweg machten sich die Polsumer das eine oder andere Mal in Stuckenbusch. "Die hatten ein fanatisches Publikum, und es gab eigentlich immer Ärger", weiß Susemihl noch. Das Problem: Umziehen mussten sich die Mannschaften in der nahen Vereinskneipe der Sportfreunde, wo sich die heißblütigen Anhänger nach dem Abpfiff ein Bier genehmigten. Manchmal blieb es nicht nur bei Wortgefechten... Damals buhlten auch die beiden Vorläufervereine der SG Marl – Eintracht Lippe und VfB Frentrop – um die Gunst der Polsumer. Es war, wie Hermann van Bracht sich entsinnen kann, sogar schon eine Fusionsversammlung anberaumt worden. Doch dann verzichteten die SuS-Verantwortlichen darauf, auf entsprechende Angebote einzugehen.

Vor der Saison 1963/64 meldeten sich mehrere Fußballer aus der Umgebung in Polsum an. Hatten vorher meist die älteren Spieler, zum Beispiel Heinz Heich, das Training geleitet, kümmerte sich nun Ernst Geldermann als fester Coach um die Mannschaft. Mit Erfolg! Der SuS lag am Ende punktgleich mit dem SV Dorsten-Hardt an der Spitze der 2. Kreisklasse. Zu dem Zeitpunkt stand bereits fest, dass beide Mannschaften in der kommenden Saison wegen des vermehrten Aufstiegs in der 1. Kreisklasse spielen würden. Trotzdem wurde am 28. Juni 1964 ein Entscheidungsspiel um die Meisterschaft der 2. Kreisklasse angesetzt. Auf dem Platz von BVH Dorsten besiegte der SuS den SV Dorsten-Hardt in nagelneuen rot-weißen Trikots mit 3:2. Bis zur Pause hatten Wolfgang Wurzel, der für das Spiel extra seinen Urlaub an der See unterbrochen hatte, mit zwei Toren und Hermann van Bracht per Elfmeter scheinbar für klare Verhältnisse gesorgt. Doch durch die beiden Anschlusstore witterten die Hardter Morgenluft. "Wir mussten mit Mann und Maus verteidigen", hat Rolf Susemihl die hektische Schlussphase noch genau vor Augen.

Das Glück im Oberhaus währte nur eine Spielzeit: Vier Siege, zwei Unentschieden und 22 Niederlagen sorgten dafür, dass der Aufsteiger als Tabellenletzer wieder zurück in die zweite Liga musste. Einige Spieler waren nach der Meisterschaft wieder abgewandert; besonders schmerzlich wurde jedoch Torhüter Josef Röhling vermisst, der wegen seines Studiums die Schuhe zwischenzeitlich an den Nagel gehängt hatte.

Nach dem Abstieg dümpelte der SuS wieder im Niemandsland der 2. Kreisklasse herum. Erst zum Ende der 60er Jahre orientierte sich der Verein erneut nach oben. "Wir hatten zu wenig brauchbares Material", verweist Hermann van Bracht darauf, dass erst allmählich systematische Jugendarbeit betrieben wurde. Vorteilhaft wirkte sich Ende der 60er Jahre die Errichtung der Mehrzweckhalle aus. Dadurch konnte auch im Winter regelmäßig trainiert werden. Bei der vorherigen Versuchen musste fleißig improvisiert werden. "Es ist zum Beispiel am Gertrudenhof ein Strahler montiert worden", berichtet Rolf Susemihl. Trotz seiner wenig zentralen Lage empfanden die Spieler damals den Platz an der Scholvener Straße als echten Fortschritt gegenüber dem Feld an der Schützenstraße. "Das war nur ein Acker, den wir selbst planiert haben", weiß Heinz Fähndrich noch.

Nach dem letzten Spiel 1963/64 stand der SuS schon als Aufsteiger in die 1. Kreisklasse fest.
Es folgte noch ein Entcheidungsspiel um die Meisterschaft, das Polsum mit 3:2 gegen Dorsten-Hardt gewann.
Über den Aufstieg freuen sich Vorsitzender Heitfeldt, Adam, Schepers, F. Lampert, Omlor, K. Lampert, Schmedeshagen, Susemihl, Hähner, Wurzel, Röhling, van Bracht und Trainer Geldermann (v. L.)